Die Figurengruppe "Das Urteil des Amor"

Sandalenbinderin

Beschreibung

1813/14 modellierte Ridolfo Schadow erstmals die "Sandalenbinderin". Die Skulptur gilt als eines seiner populärsten Werke. Ohne Attribute und Beiwerk fasziniert das Motiv damals wie heute durch seine Schlichtheit. In einer Momentaufnahme hält der Künstler das gedankenverlorene Innehalten eines Mädchens beim Binden ihrer Sandale fest. Ein Kupferstich machte sie weithin bekannt. 1820 fertigte Schadow dieses Exemplar der Sandalenbinderin an, das der preußische König Friedrich Wilhelm III. erwarb und im Königlichen Palais in Berlin platzieren ließ.

Dem äußeren Anschein nach ist die "Sandalenbinderin" von Ridolfo Schadow die jüngste der drei sitzenden Mädchen aus der Gruppe, die 2022 erstmals unter dem Titel "Das Urteil des Amor" im Schloss Charlotttenburg in Berlin ausgestellt ist. Ein Mädchen mit einem um die Hüften gelegten Tuch bindet die Bänder ihrer Sandale zusammen. Sie ist nicht in Eile. Der leicht geneigte Kopf und die ruhenden Hände zeichnen ein Innehalten nach. Ihr einziger Schmuck ist der kunstvoll geflochtene Haarknoten an ihrem Hinterkopf. Die Sandalenbinderin gilt als Ridolfo Schadows bekannteste Skulptur. Er fertigte sie fünf Mal in Carrara-Marmor an (heute: München, Neue Pinakothek; South Carolina, Middleton Palace; Privatbesitze). Sie wurde zudem gezeichnet, in Porzellan und als ↗Kupferstich (Abb. 1) reproduziert. Sogar ein Gedicht ist ihr gewidmet.

 

Die Sandalenbinderin.
Statue von Schadow dem Jüngeren in Rom.

Aglaia sitzt, fest knüpfend die Sandalen,
Es schweift ihr Blick in ferner Zukunft Land,
Noch regt im Busen sich nur Spiel und Tand,
Doch sieht sie nah den Kelch der Jugend strahlen.

O holdes, süßes Kind! Auch du mußt zahlen
Des Schmerzens Zoll, entfernst du dich vom Strand,
Hat Leidenschaft dein Lebensschiff bemannt,
Die Kindesbrust schwillt höher unter Qualen.

Sie fühlt es und schlägt ihre Augen nieder,
Ihr Sinnen hällt die jugendlichen Glieder
In stiller Ruh, wie in Erwartungstraum.

Dies ist des Marmorbildes Deutung. – Kaum
Gab ich, was dort der Künstler wahr und bieder
Erschaffen, hier in Wort und Klängen wieder.

Elise von Hohenhausen, in: Zeitung für die elegante Welt, Nr. 240, 1821, Sp. 1913.

 

Das Motiv einer sitzenden Figur, bei der ein Fuß auf dem Knie des anderen Beines abgelegt ist, erinnert an die Pose der antiken Skulptur des Dornausziehers (1. Jh. v. Chr.). Dieses Bronzebildwerk eines Jünglings, der sich einen Dorn aus seiner linken Fußsohle entfernt, ist seit dem 12. Jahrhundert in Rom dokumentiert. Seit Ende des 15. Jahrhunderts konnte der Dornauszieher in der Sammlung des späteren Kapitolinischen Museums von Rombesuchenden gesehen werden. Lediglich in den Jahren zwischen 1798 und 1816 war die Skulptur in Folge des Vertrages von Tolentino als Reparationsleitung mit anderen römischen Kunstschätzen nach Paris gebracht worden. Da Schadow 1813 mit der Modellierung der Sandalenbinderin begann, konnte er folglich nicht auf eigene Anschauung des Dornausziehers zurückgreifen. Möglicherweise deutet die gespiegelte Haltung der Sandalenbinderin in diesem Zusammenhang auf Schadows Studien von Kupferstichen hin.

Ein weiteres Bildwerk könnte als Vorbild zur Sandalenbinderin gedient haben: Die Skulptur "Adelheid von Humboldt als Psyche" modellierte Christian Daniel Rauch (1777-1857) im Jahr 1810 in Rom (in Marmor ausgeführt 1826, Berlin, Schloss Tegel). Die Figur zeigt mehrere Momente auf, die Schadow zu seinem Bildwerk inspiriert haben könnten. Rauchs kindliche Psyche sitzt, mit einem Tuch um die Hüften geschlungen, auf einem Felsen. Nur wenige Attribute, wie der kleine Schmetterling in ihrer Hand, verweisen auf das mythologische Thema. Ihr Blick schweift zu einem Punkt, der ihre Aufmerksamkeit erregt hat.

1816 präsentierte Ridolfo Schadow einen Gipsabguss der "Sandalenbinderin" auf der Kunstausstellung der Berliner Akademie der Künste. Er erhielt positive Kritiken und wurde für seine „bedeutsamen Fortschritte“ gelobt. Doch erst die Marmorausführung, die 1821 zusammen mit der "Spinnerin" im Berliner Atelier des Vaters ausgestellt wurde, erregte die Aufmerksamkeit des preußischen Königs. Friedrich Wilhelm III. erwarb beide Figuren. Nach einer zwischenzeitlichen Aufstellung im Berliner Schloss gelangten sie 1824 in den Gelben Marmorsaal des Königlichen Palais Unter den Linden (Kronprinzenpalais) in Berlin.
Rückblickend gilt die "Sandalenbinderin" als Ridolfos wichtigstes Werk. Sie ist im Hintergrund auf ↗Wilhelm Schadows Gemälde "Selbstbildnis mit dem Bruder Ridolfo Schadow und Bertel Thorvaldsen" zu sehen und ziert auch das Relief auf dem Grabmal (Abb. 2) des früh verstorbenen Bildhauers in der römischen Kirche S. Andrea delle Fratte.

Sylva van der Heyden

Material/Technik
Marmor
 
Maße
Hauptmaß: Höhe: 118 cm Breite: 58 cm Tiefe: 66 cm
 
Hergestellt
...wer    Schadow, Ridolfo
...wann  1820
...wo     Rom
 
Beauftragt
...wer    Friedrich Wilhelm III. von Preußen
 
Ruscheweyh, Ferdinand (Stecher); Schadow, Rudolph (Bildhauer): Die Sandalenbinderin, 1814, SPSG , GK II (10) 1845.
 Abb. 1
Ruscheweyh, Ferdinand (Stecher); Schadow, Rudolph (Bildhauer): Die Sandalenbinderin, 1814, SPSG , GK II (10) 1845.
Wolff, Emil nach einer Idee von Wilhelm Schadow: Wandgrabmal Ridolfo Schadow, Marmor, 1823/24, Rom, S. Andrea delle Fratte. Historische Fotografie. Foto: Rom, Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte.
Abb. 2
Wolff, Emil nach einer Idee von Wilhelm Schadow: Wandgrabmal Ridolfo Schadow, Marmor, 1823/24, Rom, S. Andrea delle Fratte. Historische Fotografie. Foto: Rom, Bibliotheca Hertziana – Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte.

 

Literatur
Die Kataloge der Berliner Akademie-Ausstellungen 1786-1850, bearb. v. Helmut Börsch-Supan, 3 Bde., Berlin 1971 (Quellen und Schriften zur bildenden Kunst, 4), Bd. 1, 1816, S. 39f., Kat. 241.
Die Sandalenbinderin. Statue von Schadow dem Jüngeren in Rom, in: Zeitung für die elegante Welt, Jg. 21, Nr. 240, 7.12.1821, Sp. 1913-1914, URL: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10532386-7.
Die Sandalenbinderin und die Spinnerin von Rudolf Schadow. Zwei Kupferstiche von Laurenz, in: Neue Berliner Monatschrift für Philosophie, Kunst, Literatur und Kunst, Bd. 1, 1821, S. 515-516, Tafel No. 1-2, URL: http://opacplus.bsb-muenchen.de/title/6973405/ft/bsb10614564?page=4.
Eckhardt, Götz: Ridolfo Schadow. Ein Bildhauer in Rom zwischen Klassizismus und Romantik, Köln 2000 (LETTER-Schriften, 13), S.86, WVZ 32.5.
Ethos und Pathos. Die Berliner Bildhauerschule 1786 - 1914, hrsg. v. Peter Bloch, Ausstellung, Berlin, Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, 1990, Berlin 1990, S. 273.
Johann Gottfried Schadow 1764-1850. Bildwerke und Zeichnungen, Ausstellung, Berlin, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, 1964-1965, Berlin 1964, S. 253 m. Abb. (1817).
Johnson, Diane Chalmers: Rudolf Schadows Sandalenbinderin in Rom und Amerika, in: Forschungen und Berichte, Bd. 23, Kunsthistorische numismatische, restauratorische und volkskundliche Beiträge (1983), S. 113-117, Tafel 35-38, URL: https://doi.org/10.2307/3880945.
Korrespondenz und Notizen. Aus Berlin (Fortsetzung von Nr. 223), in: Zeitung für die elegante Welt, Jg. 16, Nr. 228, 19.11.1816, Sp. 1822-1824, URL: https://mdz-nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bvb:12-bsb10532412-4.
Künstlerleben in Rom. Bertel Thorvaldsen (1770-1844) der dänische Bildhauer und seine deutschen Freunde, bearb. v. Ursula Peters, Ausstellung, Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, 1991-1992; Schleswig, Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum, 1992, Nürnberg 1991, S. 609-611, Kat. 6.3, Abb. S. 609.
Plastik der Schinkelzeit, bearb. v. Saskia Pflugbeil, Ausstellung, Potsdam, Staatliche Schlösser und Gärten Potsdam-Sanssouci, 1981, Potsdam 1981, S. 16, Kat. 43.
Schasler, Max: Berlins Kunstschätze. Ein praktisches Handbuch zum Gebrauch bei der Besichtigung derselben, 2. Abth. Die öffentlichen und Privat-Kunstsammlungen, Kunstinstitute und Ateliers der Künstler und Kunstindustriellen von Berlin. Ein praktisches Handbuch (...), Berlin 1856, S. 268.
 
Schlagworte
Marmor
Mädchen
Sitzstatue
Statue

 

Originaleintrag

Sandalenbinderin: https://brandenburg.museum-digital.de/object/69173

(Object from: Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg)