Antike und Aufklärung: Winckelmann

Versuch einer neuen Sprachwahl bei Texten über Kunst

Bereits Winckelmanns Erstlingsschrift, die „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Wercke in der Mahlerey und Bildhauer-Kunst“ ist eine enthusiastische Schilderung der Kultur und Kunst des antiken Griechenlands, in dem Bürger in einem auf Freiheit und Demokratie gegründeten Staat lebten und Kunst sich deshalb entfalten konnte. Seine aus den antiken Quellen erschlossene Darstellung und die Beschreibungen der Laokoongruppe, der Dresdener Statuen der Herkulanerinnen und Raffaels Sixtinischer Madonna, als Fortsetzung der idealen griechischen Schönheit, verstand er als Gegenpol zum höfischen Barock seiner Zeit. Sie wurde so zum Ausgangspunkt seiner Nachahmungstheorie: An die Künstler erging die Aufforderung, die schöne Natur und die idealische Schönheit der griechischen Statuen, ihre „edle Einfalt und stille Größe“ nachzubilden. Seine Schrift wurde sogleich ins Französische übersetzt und europaweit bekannt. Über die drei 1711 in Herculaneum gefundenen Frauenstatuen (sog. Herculanerinnen) in der kurfürstlichen Sammlung in Dresdnen – wohl die ersten antiken Marmorstatuen, die Winckelmann aus eigener Anschauung kennenlernte, schreibt er hier:

„Die drei Vestalen sind unter einem doppelten Titel verehrungswürdig. Sie sind die ersten großen Entdeckungen von Herculanum, allein, was sie noch schätzbarer macht, ist die große Manier in ihren Gewändern. In diesem Teile der Kunst sind sie alle drei, sonderlich aber diejenige, welche größer ist als die Natur, der Farnesischen Flora und anderen griechischen Werken vom ersten Range beizusetzen. Die zwei andern, groß wie die Natur, sind einander so ähnlich, daß sie von einer und ebenderselben Hand zu sein scheinen; sie unterscheiden sich allein durch die Köpfe, welche nicht von gleicher Güte sind. An dem besten Kopfe liegen die gekräuselten Haare nach Art der Furchen geteilt, von der Stirne an bis da, wo sie hinten zusammengebunden sind. An dem andern Kopfe gehen die Haare glatt über den Scheitel, und die vorderen gekräuselten Haare sind durch ein Band gesammelt und gebunden. Es ist glaublich, daß dieser Kopf durch eine neuere, wiewohl gute Hand gearbeitet und angesetzt worden.“

Die begeisterte Aufnahme, die Winckelmanns Schriften in Deutschland und sehr schnell auch in anderen Ländern Europas fanden, resultierte auch aus seiner neuen Art, über Kunst zu schreiben. Nicht mehr die Künstlerbiografie, sondern das Kunstwerk stand im Mittelpunkt. Mit einfühlsamen, teilweise poetischen Worten beschrieb er die Körperlichkeit antiker Skulpturen, gab ihre ikonographische Deutung an und setzte sie in den Kontext griechischer Geschichte und Mythologie.

In seinen Beschreibung des Laokoon und des Torsos vom Belvedere gelingt dies Winckelmann meisterhaft. So schreibt er über den Torso: "Ich sehe in den mächtigen Umrissen dieses Leibes die unüberwundene Kraft des Besiegers der gewaltigen Riesen, die sich wider die Götter empörten und in den phlegräischen Feldern von ihm erlegt wurden, und zu gleicher Zeit stellen mir die sanften Züge dieser Umrisse, die das Gebäude des Leibes leicht gelenksam machen, die geschwinden Wendungen desselben in dem Kampfe mit dem Achelous vor, der mit allen vielförmigen Verwandlungen seinen Händen nicht entgehen konnte."

Gerade wegen der gelungenen Verbindung von wissenschaftlicher Erkenntnis und poetischer Sprache galt Winckelmann als der meistgelesene deutsche Autor aus der Zeit vor Goethe.

 

2018-06-11

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