Handwerk in Brandenburg

Hutfabrikation in Guben

180 Jahre Geschichte - Aufstieg und Niedergang der Gubener Hutfabrikation am Beispiel der Hutmacherfamilie Wilke

Die Hutherstellung hat in Guben eine historische Tradition. Gekennzeichnet ist die industrielle Entwicklung der Gubener Hutindustrie von kleinen, bescheidenen Anfängen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, über eine Blütezeit mit weltweiter Anerkennung von Gubener Hüten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hin zum vollständigen Niedergang dieses traditionellen Gubener Industriezweiges in den 1990er Jahren.

Gubener Tuche und Hüte waren im 19. Jahrhundert über die Grenzen der Lausitz hinaus bekannt, geschätzt und von hoher Qualität, was der Werbeslogan Gubener Tuche, Gubener Hüte –weltbekannt durch ihre Güte treffend wiederspiegelte. Auch der Gubener Poststempel trug einst diese Botschaft in die Welt hinaus.

Neben der Tuchindustrie hatte sich im 19. Jahrhundert in Guben auch die Woll- und Haarhutindustrie entwickelt. Günstige Standortfaktoren wie das weiche Wasser der Neiße, hier ansässige Fachkräfte sowie die bereits vorhandene Technik der Tuchindustrie wirkten sich dabei positiv auf das aufstrebende Hutmacherhandwerk in Guben aus.

Den Grundstein für den Aufschwung der Hutmacherbranche und die baldige Dominanz Gubens legte der Forster Hutmacher Carl Gottlob Wilke, der sich 1822 hier in Guben ansiedelte. Seine Erfindung des witterungsfesten Wollfilzhutes war für die deutsche Hutmacherbranche zur damaligen Zeit eine revolutionäre Entwicklung. Die daraus resultierenden Auswirkungen auf die Hutbranche und auch auf die Stadt Guben waren immens. Zwei Drittel aller in Deutschland produzierten Hüte kamen in der Folgezeit aus Guben. In Deutschland entwickelte sich Carl Gottlob Wilke schließlich zu einer Art Vorreiterrolle in der Herstellung von Woll- und Haarfilzhüten. und mit seinem Schaffen die Grundlage dafür legte, dass die Stadt Guben als Hutmacherstadt bald weltbekannt wurde.

Das 19. Jahrhundert markiert somit den Ausgangspunkt für die beginnende und später einst so erfolgreiche Hutindustrie Gubens. Der neu entstandene Industriezweig wurde zum wichtigsten Arbeitgeber der industriell erstarkenden Stadt. Bereits um 1927 zählte die Gubener Hutindustrie dreimal mehr Beschäftigte als die hiesige Tuchindustrie.

Der große Erfolg des zunehmend expandierenden Wilkeschen Hutunternehmens zog wie ein Magnet auch andere Huthersteller an. Der größte Konkurrent für das Wilkesche Unternehmen war die 1888 gegründete „Berlin – Gubener Hutfabrik AG“ – der erste deutsche Hutkonzern unter der Leitung von Apelius Cohn und Hermann Lewin mit Sitz in der Uferstraße 20/28. Unter dem Mitbegründer und leitendem Direktor Hermann Lewin entwickelte sich dieser Hutkonzern zum größten Hutunternehmen Deutschlands.

1925 gab es allein im westlichen Teil Gubens 11 Hutfabriken, 7 Hutformfabriken, 1 Hutstoffwerk sowie 2 Maschinenfabriken, die sich auf die Entwicklung, den Bau und die Reparatur von Hutmaschinen spezialisiert hatten. In den 1920er und den beginnenden 1930er Jahren verließen jährlich um die 10 Millionen Damen- und Herrenhüte die Gubener Fabriken, um Menschen in aller Welt mit Gubener Hüten gut „zu behüten“. Guben wurde damit zur Hochburg der deutschen Hutbranche und wohl auch das Zentrum der europäischen Hutindustrie. Etwa ein Drittel der Gubener Bevölkerung lebte zu dieser Zeit von der Hutindustrie.

Der Betrieb der Firma Wilke galt als vorbildlich hinsichtlich Produktqualität und sozialer Absicherung seiner Arbeiter. Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Sohn von C.G. Wilke, Friedrich Wilke, führte bereits 1875, also 8 Jahre vor dem Erlass des Krankenversicherungsgesetzes durch die Sozialgesetzgebung Otto von Bismarcks, eine Betriebskrankenkasse ein.      

2016-12-27

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