Anton Graff - Meisterporträts in Original, Kopie, Druck

Abgekupfert

Der erste Stich nach einem Gemälde entstand sozusagen autorisiert, nämlich dadurch, dass dem Stecher das Originalporträt - in aller Regel ein Gemälde - zur Verfügung gestellt wurde. Weitere Reproduktionsstiche begnügten sich häufig statt des Gemäldes, das nicht ohne weiteres verfügbar war, mit einem Exemplar des bereits vorhandenen Kupfers. Porträtgrafiken prominenter Persönlichkeiten wurden hemmungslos abgekupfert. Die Nachbildungen dienten wiederum weiteren Reproduktionen zur Vorlage.

Die Arbeit des Malers wurde durch das Abkupfern nicht im Geringsten geschmälert, wohl aber diejenige des Stechers und gegebenenfalls des Verlegers. Für den Maler konnte es nur von Vorteil sein, wenn die Verbreitung seiner Bildschöpfungen durch Nachstiche befördert wurde. Die künstlerische Qualität des ursprünglichen Porträts war freilich in den vielgradig entfernten Ableitungen oft nicht mehr zu erahnen. Die Ähnlichkeit entglitt, die Physiognomie gerann zum Typus.

Auffällig ist, dass die Reproduktion von Porträts der Dichter, Denker und übrigen Größen der Epoche der Aufklärung - besonders häufig eben die Porträts von der Hand Anton Graffs - das gesamte 19. Jahrhundert hindurch nicht nachließ. Zahl, Umfang und Verbreitung von Porträtserien nahmen in dieser Zeit zu.

Diese Blätter sind Medien einer identitätsstiftenden Beschäftigung mit der Literatur- und Geistesgeschichte, die auch zu einer Kanonisierung der Geistesheroen führte, häufig mit nationalem Horizont. Beste Beispiele hierfür sind die Kompendien des Märchensammlers Ludwig Bechstein (Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen. Leipzig 1854) sowie der "Deutsche Ehrentempel" (Hg. v. Wilhelm Hennings, Gotha 1821-1836).

Die wohl umfangreichste und am weitesten verbreitete Serie waren die "Bildnisse der berühmtesten Menschen aller Völker und Zeiten" (35 Hefte mit 420 Bildnissen, Zwickau 1818-1832) der Brüder Schumann in Zwickau, Vater und Onkel des Komponisten.

Für einen großen Teil der Platten der Schumann’schen Sammlung zeichneten die recht tüchtigen Berliner Stecher Johann Friedrich Bolt und Friedrich Wilhelm Bollinger verantwortlich. Die Punktiermanier, in der sie durchweg gehalten waren, war im späteren 18. Jahrhundert in England in Mode gekommen, zu jener Zeit allerdings schon etwas trivialisiert.

Bechstein hingegen wählte für seine Bildtafeln die damals kaum gebräuchliche Technik des Holzschnitts. Seit etwa dieser Zeit gewann der Holzschnitt als Reminiszenz an die altdeutschen Meister erheblich an Beliebtheit. Auch hieran ist die patriotische Ausrichtung von Bechsteins Porträtwerk ersichtlich.

Verständlicherweise waren die Porträts solcher Sammlungen in der Regel nicht nach Originalen gearbeitet, sondern nach bereits vorhandenen Grafiken. Die 1850 bis 1861 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig erschienene Serie "Bildnisse berühmter Deutschen" war mit ihren 30 Stahlstichen geringer an Umfang als viele frühere Unternehmungen. Ein gesteigerter künstlerischer Anspruch allerdings ist an der Tatsache zu ersehen, dass die Blätter wohl überwiegend nach den Originalen gearbeitet worden sind. Das Herder-Bildnis aus Gleims Sammlung, die zu dieser Zeit im Halberstädter Domgymnasium bzw. im Haus von dessen Direktor eingelagert war, wurde hierfür zum zweiten Mal reproduziert.
Spätere Bildnissammlungen bedienten sich meist des neuen Mediums der Fotografie.

Der regen Rezeption der deutschen Aufklärung verdankte schließlich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch Anton Graff, ihr wichtigster Porträtist, seine Wiederentdeckung und seither anhaltende kunsthistorische Bearbeitung.

2016-10-13

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