Die Sammlungen des hannoverschen Gesandten August Kestner (1777–1853) und die Anfänge des Museum August Kestner

Die Einrichtung des ganzen Hauswesens hat übrigens außerordentlich gewonnen, so wie die Ausstellung der Reihen Kunstschätze jetzt ihren Genuss sehr erleichtert. […] Ein Zimmer, das zum eigentlichen Museum eingerichtet ist, enthält herrliche Schätze und würde jede hannöversche National-Galerie hinter sich lassen“.

Diese bewundernden Zeilen schreibt Hermann Kestner (1810–1890) im Jahre 1846 aus Rom an seine in Hannover weilenden Eltern. Denn wieder einmal besucht er seinen Onkel August Kestner (1777–1853), den hannoverschen Legationsrat am Heiligen Stuhl. Dessen Dienstwohnung im Palazzo Tomati in der Via Gregoriana 42 unweit der Spanischen Treppe glich – so muss man aus diesen Zeilen schließen – einem Museum.

Vom Salon …

Die Schätze dieses Museums – das waren unzählige Gegenstände antiker (Klein-)Kunst, Statuetten aus Terrakotten und Bronze, Gefäßkeramik und Gemälde. Sie stammen aus nahezu allen geographischen Regionen des antiken Mittelmeerraumes und decken alle Material- und Fundgattungen ägyptischer, griechischer bis zur römischen Kunst ab. Aber auch nachantike europäische Kunst, vorwiegend die Malerei und Graphik der Renaissance, sowie Zeugnisse Angewandter Kunst wie italienische Majoliken des 16. Jahrhunderts, Musikinstrumente und Möbel finden sich hier. All dies wird 1889 zum Gründungsbestand des heutigen Museum August Kestner gehören.

Eine Momentaufnahme des Museums erhalten wir durch die drei Aquarelle, die Augusts Großneffe, der Historienmaler Georg Heinrich Wilhelm Laves (1825–1907), kurz nach Kestners Tod am 5. März 1853 in dessen Wohnung vom Salon, dem Arbeits- und Empfangszimmer angefertigt hat.

Die Familie Kestner

August Kestner kommt am 28. November 1777 in Hannover zur Welt. Sein Vater ist der Jurist und Archivrat Johann Christian Kestner, seine Mutter Charlotte Sophie, geb. Buff. Sie hatte einst das Vorbild für die Figur der Lotte in Johann Wolfgang von Goethes Roman "Die Leiden des jungen Werther" abgegeben.

Das Elternhaus, in dem er aufwuchs, war damals für Hannover, wo die Stände noch streng geschieden waren, etwas Ungewöhnliches, indem sich dort alle Gebildeten begegneten und auch der hannöversche Adel es nicht unter seiner Würde hielt, der Hofrätin Kestner seine Hochachtung zu bezeugen. So trafen sich dort Gelehrte und Dichter, wie Christian Gottlob Heyne, Boie, Hölty, Georg und Ernst Brandes, und Staatsmänner wie Rehberg, Hardenberg, Graf Münster und viele andere“. (Kestner-Köchlin, S. 5)

Diese Personen und Persönlichkeiten zeugen nicht nur von der Anziehungskraft, die Werthers Lotte, Hofrätin Kestner, auf die hannoversche Gesellschaft ausübte; sondern sie ist ebenso Zeugnis von der literarischen Bildung Johann Christian Kestners, der seit seinen eigenen Studientagen in Göttingen durchaus dichterische Ambitionen hatte und dem studentischen Dichterbund, dem Göttinger Hainbund nahestand.

Eine einfühlsame Schilderung des bildungsbürgerlichen Umfelds und der Geistesgeschichte dieser Zeit, die für August Kestner so prägend waren, findet sich bei dem Göttinger Rechtsprofessor Otto Mejer, einem Bekannten und Zeitgenossen, der den römischen Kestner als erster mit einer Biographie bedachte.

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Brustbild nach rechts vor neutral braunem, punktuell beleuchtetem Hintergrund, den Kopf zum Betrachter gewendet. Lotte trägt ein weißes Musselinkleid mit blauen Bändern. Die Haare sind ...

Das in Hannover entstandene Brustbild Charlotte Kestners ist in leichter Wendung nach links vor einen braunen, partiell erhellten Fond gesetzt. Der schmale Umriss des zarten Gesichts wird ...

Ein Haus voller Kinder

Als August das Licht der Welt erblickt hatte, gratulierte Goethe mit den Worten: "Viel Glück zur Vermehrung und Entblätterung der Familie. Es wird doch artig sein, wenn ich Euch einmal besuche und Ihr mir mit einem halben Dutzend solcher Figürchen aufwarten könnt."

August wuchs als viertes Kind mit seinen elf Geschwistern auf. Sie wurden – durch den Vater vermittelt – in dem Bewusstsein erzogen, als Mitglieder des hannoverschen zweiten Standes, dem Staatspatriziat, zu den privilegierten Leitungsträgern Kurhannovers zu gehören, die als Geheime Staatssekretäre, Justizräte oder Legationsräte an der Verwaltung des hannoverschen Teils der englisch-hannoverschen Personalunion mitwirkten. Aber auch die von Literatur und Kunst durchdrungene Atmosphäre im Elternhaus und die schöngeistigen Interessen der Mutter sollten August prägen.

Studium und Ausbildung

1796 beginnt August an der Universität in Göttingen sein Jura-Studium und tritt damit in die Fußstapfen des Vaters. Seine eigentliche Berufung findet er aber nicht in der Rechtswissenschaft, sondern in der Kunstgeschichte. Er hört Vorlesungen bei dem berühmten Kunsthistoriker Domenico Fiorillo; außerdem nimmt er Musik- und Zeichenunterricht.

Die berühmten Vorlesungen in Archäologie bei Christian Gottlob Heyne hörte waren ihm vermutlich aus Kostengründen verwehrt. Denn seinem Vater missfallen diese Beschäftigungen außerordentlich.

Nach Abschluss des Studiums 1799 schlägt er eine juristische Laufbahn ein. Nach dem Referendariat (Auditor) am Hofgericht in Hannover (bis 1801), macht er ein Praktikum am Reichskammergericht in Wetzlar (1802); 1803 folgt die Anstellung als Geheimer Kanzleisekretär in hannoverschen Diensten.

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Christian Gottlob Heyne
(Winckelmann-Museum Stendal)

Das Porträt Christian Gottlob Heynes wurde von Friedrich Müller gestochen. Um 1800 hatte Johann Heinrich Wilhelm Tischbein das Altersbildnis des Göttinger Gelehrten als Ölgemälde ...

Christian Gottlob Heyne
(Winckelmann-Museum Stendal)

Der Stich von Christian Gottlieb Geyser geht auf das 1772 von Johann Heinrich Tischbein d.Ä. (1722-1789) gemalte Porträt zurück. Die Graphik zeigt den Altertumswissenschaftler im Oval, ...

Der Sammler

Im Fokus von Kestners Sammlung stand nicht ein einzelnes Thema oder eine spezielle Objektgattung. Der Legationsrat am Heiligen Stuhl  verkörpert noch den Typus des Universalsammlers, wie ihn die Renaissance geprägt hatte und der bis ins frühe 19. Jahrhundert wirkte, als die Form des lexikalischen, umfassenden Nachschlagewerkes, die gedruckte Enzyklopädie für eine bürgerliche Öffentlichkeit an Bedeutung gewann.

Aber er war auch Neuerer: Als Sammler war er ein Pionier auf dem Gebiet der Archäologie. Er trug eine der größten und bedeutendsten bürgerlichen Privatsammlungen des 19. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum zusammen. Was prädestinierte ihn zu dieser Rolle?

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August Kestner als Legationsrat (1777-1853)
(Museum August Kestner)

Als auf dem Wiener Kongress Hannover vom Kurfürstentum zum Königreich erhoben wird und somit das um die katholischen Gebiete – die Bistümer Osnabrück und Hildesheim – erweiterte ...

August Kestner als Privatier (1777-1853)
(Museum August Kestner)

August Kestner, sitzend auf einem Lehnstuhl. - "Auf der Kunstausstellung sind wenige Sachen von Erheblichkeit. Mein in Lebensgröße sitzendes Porträt von Rahl, einem Östreicher, ist, ...

Nach Rom

Hier, in Italien, wird er Zeuge der Entstehung einer modernen, systematischen und methodologisch ehrgeizigen archäologischen Wissenschaft. In Rom flossen die Informationen über die großen Entdeckungen und ersten wichtigen Ausgrabungen zusammen; hier bestanden die notwendigen institutionellen Voraussetzungen für die Sammlertätigkeit.

Zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts und vor allem nach dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon hatten sich in Rom und anderen italienischen Städten Künstler aus ganz Europa angesiedelt, die ihrerseits gleichgesinnte Landsleute anzogen. In Rom gab es zur Zeit Kestners u. a. eine starke deutsche Kolonie.

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Ahlborns Zeichnungen nehmen den zahlenmäßig größten Raum im Rehbger-Album ein. In Rom hatte er Konatkt zur zweiten Generation der Nazarener. Trotz dieser neuen Eindrücke lässt die ...

Die Folgen des Wiener Kongresses

Als auf dem Wiener Kongress Hannover vom Kurfürstentum zum Königreich erhoben wird und somit das um die katholischen Gebiete – die Bistümer Osnabrück und Hildesheim – erweiterte Königtum Hannover mit dem Papst politische und kirchenrechtliche Fragen zu verhandeln hat, setzt August Kestner alles daran, als Mitglied dieser Delegation in sein geliebtes Rom zurückkehren zu können. Ab 1817 begleitet er schließlich die hannoverschen Vertreter als Legationssekretär. Die Verhandlungen, die Hannover erster Staat des Deutschen Bundes mit dem Papst führt, ziehen sich bis 1824 hin. Nach ihrem Abschluss wird die Delegation in eine offizielle Gesandtschaft umgewandelt. August Kestner wird zum Legationsrat ernannt und nimmt ab sofort die Interessen der bis 1837 in Personalunion verbundenen Königreiche Hannovers und Englands beim Heiligen Stuhl wahr. 1837 erfolgt die Ernennung zum Ministerresidenten, des ständigen diplomatischen Vertreters, nunmehr alleinig für das Königreich Hannover. 1843 übernimmt er zusätzlich auch den Gesandtschaftsposten in Neapel: „So ist mir denn auch eine schöne Amtspflicht auferlegt, jährlich eine der schönsten Städte der Welt zu besuchen, und doch besuchte ich sie lieber ohne diplomatische Korps, Staatsminister, Hof usw., usw.“, schreibt er an den Neffen Hermann am 16. Februar 1843.

Bis zu seinem Tode 1853 sollte (und wollte) August Kestner Rom nicht mehr verlassen. Auch als er – bereits 72-jährig – 1849 aus dem diplomatischen Dienst entlassen wird und er finanzielle Probleme bekommt, die er mit Unterstützung von Papst Pius IX. und seiner Freunde zu bewältigen sucht, behält er seinen Wohnsitz in der Ewigen Stadt bei. Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem cimitero acattolico bei der Cestius-Pyramide, wo er selbst 23 Jahre zuvor für die Bestattung von Goethe filius, August von Goethes, gesorgt hatte.

Bis zum Lebensende

Bis zu seinem Tode 1853 sollte (und wollte) August Kestner Rom nicht mehr verlassen. Auch als er – bereits 72-jährig – 1849 aus dem diplomatischen Dienst entlassen wird und er finanzielle Probleme bekommt, die er mit Unterstützung von Papst Pius IX. und seiner Freunde zu bewältigen sucht, behält er seinen Wohnsitz in der Ewigen Stadt bei.

Seine letzte Ruhestätte findet er auf dem cimitero acattolico bei der Cestius-Pyramide, wo er selbst 23 Jahre zuvor für die Bestattung von Goethe filius, August von Goethes, gesorgt hatte.

In Rom angekommen

Hier, in Italien, wird er Zeuge der Entstehung einer modernen, systematischen und methodologisch ehrgeizigen archäologischen Wissenschaft. In Rom flossen die Informationen über die großen Entdeckungen und ersten wichtigen Ausgrabungen zusammen; hier bestanden die notwendigen institutionellen Voraussetzungen für die Sammlertätigkeit.

Zwischen dem Ende des 18. und dem Beginn des 19. Jahrhunderts und vor allem nach dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon hatten sich in Rom und anderen italienischen Städten Künstler aus ganz Europa angesiedelt, die ihrerseits gleichgesinnte Landsleute anzogen. In Rom gab es zur Zeit Kestners u. a. eine starke deutsche Kolonie.

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Das Kolosseum und Forum Romanun vom Monte Oppio
(Museum August Kestner)

Ahlborns Zeichnungen nehmen den zahlenmäßig größten Raum im Rehbger-Album ein. In Rom hatte er Konatkt zur zweiten Generation der Nazarener. Trotz dieser neuen Eindrücke lässt die ...

Archäologische Forschung

Deren Mitgleider – die Künstler, Gelehrte und Diplomaten –, und andere europäische Vertreter bildeten den Nährboden und die institutionelle Infrastruktur für die wissenschaftliche Erforschung der Antike und die Herausbildung einer neuen Wissenschaft des Spatens, die als klassisch zu bezeichnende archäologische Disziplin. Die frühe Archäologie basierte noch auf der Grundlage privater Protektion, bewegte sich aber zugleich in einem gesicherten und institutionalisierten Rahmen. Es waren die an Bildung und Kultur interessierten diplomatischen Kreise, die als äußerst vitale Unterstützer agierten. Botschaftssitze und diplomatische Vertretungen fungierten nicht nur im Falle Kestner als Keimzelle archäologischer Forschungseinrichtungen.

Dazu gehörte das 1828 von August Kestner mit gegründete Instituto di Corrispondenza Archeologica, die Vorgängerinstitution des Deutschen Archäologischen Instituts und zum damaligen Zeitpunkt wohl wichtigste wissenschaftliche Institution, die unter dem Schutz der preußischen Gesandtschaft in Rom stand.

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Christian Carl Josias von Bunsen
(Museum August Kestner)

Porträt nach rechts. - Kestner und von Bunsen verband nicht nur eine gute berufliche Beziehung. Sie verfolgten auch gemeinsame Interessen für Kunst und Kultur. So wurden beide Diplomaten ...

Christian Carl Josias von Bunsen
(Museum August Kestner)

Porträt nach links. - Kestner und von Bunsen verband nicht nur eine gute berufliche Beziehung. Sie verfolgten auch gemeinsame Interessen für Kunst und Kultur. So wurden beide Diplomaten ...

Die Römischen Hyperboreer

Hervorgegangen ist diese Institution wiederum aus den Römischen Hyperboreern, einem Lesekreis gebildeter Laien und archäologischer Fachleute. Die Hyperboräer  hatten ihren Namen einem mythischen Volk entlehnt, das an den Randzonen der antiken Welt lebte und bei dem sich der delphische Apollon im Winter aufzuhalten pflegte.

August Kestner war es, der ihn zusammen mit den Archäologen und Kunsthistorikern Otto Magnus von Stackelberg (1786–1837), Theodor Panofka (1800–1858) und Eduard Gerhard (1795–1864) im Jahre 1823 ins Leben gerufen hatte. Gemeinsame Lektüre der klassischen Autoren sowie Reisen durch Italien, auf denen antike Inschriften und Bauten studiert und gezeichnet werden, galten als Hauptzweck der Zusammenkünfte. Zwei Jahre lang trafen sich die Hyperboräer regelmäßig in Kestners Wohnung in der Via Gregoriana zur gemeinsamen wissenschaftlichen Diskussion.

Auch wenn August Kestner in diesem Kreis derjenige war, der den eigentlichen altertumswissenschaftlichen Studien am fernsten stand, so traf seine Begeisterungsfähigkeit für alles Schöne und Erhabene den Geist der damaligen Archäologie. Als „aller echten Kunst mit enthusiastischer Liebe zum Schönen, aller Zeit und Richtungen“ zugewandt, charakterisiert ihn sein Freund Eduard Gerhard. Eben dies war das Credo des Winkelmann‘schen Verständnisses antiker Kunst, das so prägend für die Anfänge der Archäologie sein sollte.

Kestner selbst formuliert dieses Credo in seiner 1830 erschienenen kunsttheoretischen Schrift 'Wem gehört die Kunst?', in der er sich mit der Frage auseinandersetzt, wer geeigneter sei, sich über Kunst zu äußern, der Philosoph oder der Künstler, wie folgt: „Alles menschliche Treiben ist unzulänglich, jeder aber pflege mit Treue die Saat, die ihm in die Brust gestreuet ist. Die ganze Welt steht uns offen. Nehmen wir, ohne Scheu, was uns das Schönste dünkt; denn das Meiste, was wahr wird, ist bedingt, zufällig und ungewiss: im Schönen ist ewige Wahrheit“.

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Otto Magnus von Stackelberg, Selbstporträt
(Museum August Kestner)

August Kestner und Otto Magnus von Stackelberg verband bereits seit Kestners erstem Italien- bzw. Rom-Aufenthalt in den Jahren 1808/09 eine enge Freundschaft. Diese wurde nach Kestners ...

Eduard Gerhard
(Museum August Kestner)

Porträt nach rechts. - Der Altertumswissenschaftler und Archäologe Eduard Gerhard hielt sich mehrfach zu wissenschaftlichen Forschungen in Rom und Italien auf und wurde während seines ...

Ökonomie des Sammelns

Sammeln ist teuer. Die Tätigkeit als Diplomat bildete die wesentliche ökonomischen Voraussetzungen für Kestners wissenschaftliche Ambitionen und ausgeprägten Sammelaktivitäten. Er erhielt als Legationsrat am Heiligen Stuhl eine standesgemäße und gesicherte Alimentierung, die im Laufe Zeit immer wieder einmal aufgestockt wurde. Als Junggeselle konnte er – außer für die der Aufrechterhaltung seines Hausstandes mit einigen Bediensteten notwendigen Mittel – ohne weitere familiäre Verpflichtungen über seine Einkünfte uneingeschränkt verfügen.

Waren es anfänglich rund 1.000 Taler jährlich in der Besoldungsstufe eines Kanzleirates als er 1817 nach Rom kam, so steigerten sich die zur Verfügung stehenden Mittel im Laufe der Jahre. 1836 gewährte ihm der englische König, Wilhelm IV., sogar eine bedeutende Gehaltserhöhung. Die zusätzliche Übertragung des hannoverschen Gesandtschaftspostens in Neapel 1843 erhöhte sein Einkommen noch einmal um jährliche 1.000 Taler. Insgesamt verfügte er vor seiner Pensionierung, mit der es zu finanziellen Engpässen kam, über ein Jahreseinkommen von etwa 6.750 Talern.

Nur fünf Jahre nach der Bestellung zum Gesandten in Neapel wurden die Gesandtschaften in Rom und Neapel aus Kostengründen, aber auch in Folge der 1848er-Revolution geschlossen; Kestner wurde schließlich im Januar 1849 pensioniert. Die Pensionierung hatte er bereits zuvor als Schreckgespenst auf sich zukommen sehen, wohl wissend, dass er sich in seinen Ausgaben für die Kunst würde einschränken müssen.

Bereits vor der Pensionierung hatte das Einkommen manchmal nicht ausgereicht, um alle Begehrlichkeiten problemlos finanzieren zu können. Der Reiz, neue Objekte zu erwerben, war groß und die finanziellen Mittel waren beschränkt. 1836 musste er bis auf eines alle (Reit-)Pferde verkaufen, um ein Gemälde zu erwerben. Manchmal konnte er auch auf seinen Bruder Georg zählen. Dieser hatte ein Händchen für Geldgeschäfte und tätigte wohl für August die eine oder andere gewinnbringende Anlage wie den Ankauf einer Aktie der Weserdampfschifffahrtsgesellschaft, welche von August alsbald wieder in Kunst ‚umgemünzt‘ wurde. Im Jahr 1843 konnte Kestner mit den Ausschüttungen aus den Aktien seine Sammlungen um wesentliche Stücke vermehren.

Er gestand sich selbst ein: „Ich habe von jeher nicht viel von Geldsachen verstanden, als die Einnahmen nützlich oder schön auszugeben. Auch liebe ich viel Geld, wenn es nicht so viel ist, dass es den Charakter verdirbt oder die Zeit zum Trefflichen raubt“. Die Einnahmen nützlich oder schön auszugeben – das Credo des Sammlers.

Die Sammlung

Auch wenn die altertumswissenschaftliche Seite Kestners, seine archäologischen Aktivitäten und sein Interesse an der ägyptischen und griechisch-römischen Antike sich schließlich sehr stark in seiner Sammlung niederschlagen, ist der Beginn seiner Sammelleidenschaft im kunsthistorischen Bereich zu sehen. Bereits kurz nach seiner Rückkehr nach Rom beginnt Kestner mit dem Aufbau seiner Sammlungen.

Die Gemäldesammlung

1818 waren es Stiche nach Rubens und Radierungen sowie antike Münzen, die heute nicht mehr genauer zu identifizieren sind.

Doch 1819 kommen bereits erste Gemälde bekannter Meister hinzu, die August Kestner gleich zu Anfang des Jahres erwirbt. Für den 4. Januar 1819 verzeichnet er den Ankauf von sechs Werken: „Zu Koch und Palmaroli, wo ich drei Breughels und zwei Grinaldi, Bolognese, die vielleicht Carracci sind, kaufte für zwölf Louisdor“. Doch sollten dies nicht die einzigen Erwerbungen für 1819 sein. Gegen Ende des Jahres kommen weitere Bilder hinzu, wie er vor Begeisterung an Schwester Charlotte berichtet. Gerade der Ankauf eines „hübsche[n] Madonnenbild[es] aus der florentinischen Zeit vor Raffael, etwa von den Jahren 1460 bis 1480, […], welches von Signorelli sein soll, einem berühmten Maler, der von Michel Angelo besonders geschätzt wurde“, zieht ihn in seinen Bann. Viele weitere Gemälde sollten folgenden.

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Der heilige Hieronymus als Büßer
(Niedersächisches Landesmuseum Hannover / Dauerleihgabe der Landeshauptstadt Hannover)

Pontormo (eigentlich Jacopo Carrucci) zählt zu den Hauptvertretern des Florentiner Manierismus. In der Darstellung des büßenden Hieronymus, in seinem Blick und in der ...

Ägyptisches und Antikes

Können wir für die kunsthistorischen Objekte in Kestners Selbstzeugnissen immer wieder einmal Hinweise finden, so fehlen diese für den Erwerb der Antiken und Aegyptiaca fast vollständig. 

Vereinzelte Hinweise in seinen Tagebüchern erwähnen Namen von Kunsthändlern und Antiquaren – wie Giuseppe Basseggio oder Francesco Capranesi – und dort erstandene Objekte. Erwerbungszeitpunkte einzelner Dinge lassen sich daher eher aus den Sitzungsprotokollen des Instituto di Corrispondenza Archeologica erschließen, auf dessen Adundanzen die Mitglieder immer wieder Objekte zur Diskussion stellten. Ebenso liefern Berichte zu diesen Zusammenkünften in den einschlägigen im deutschsprachigen Raum erscheinenden Kunst- und Kulturjournalen Indizien für den Erwerb oder Besitz einzelner Objekte.

Ägyptisches

Außergewöhnlich ist der Bestand an ägyptischen Objekten. Kestners aus rund 800 Objekten bestehende Sammlung ägyptischer Kunst ist – neben der des Bologneser Bildhauers und Möbelgestalters Pelagio Palagi (1775–1860) mit gut 3.000 Objekten – die zweitgrößte Privatsammlung ägyptischer Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt. Wann die ersten ägyptischen Objekt in seine Sammlung kamen, ist leider nicht bekannt, aber seine entsprechende Sammlung muss 1826 schon umfangreich gewesen sein, dass in diesem Jahr der Leipziger Archäologie-Professor Gustav Seyffarth (1796–1885) in Kestners Sammlung im Palazzo Tomati in Rom ägyptische Papyri studieren konnte.

Antikes

Die Bedeutsamkeit seiner Antikensammlung zeigt sich darin, dass vielen Romreisende einen Abstecher in die Via Gregoriana 42 machen, um sich bei einem Besuch des Legationsrates dessen Schätze zeigen zu lassen.

Ein Beispiel hierfür ist die 1832 erstmals erwähnte römische Öllampe mit der Darstellung tanzender Skelette. „Hr. Legationsrath Kestner zeigte in Originalen und Abdrücken mehrere seiner Sammlung neuerdings zugefügte Denkmäler vor, worunter eine römische Lampe mit der Vorstellung tanzender Skelette“, heißt es im 'Intelligenzblatt der Allgemeinen Literaturzeitung' vom Februar 1832.

Auch für andere Objekte der Kestner’schen Sammlung können über diesen Umweg die ungefähren Erwerbsjahre rekonstruiert werden. So stellte Kestner in der Sitzung am 13. März 1845 „[…] seine Sammlung antiker eleganter Schreibgriffel vor, außerdem drei Gabeln , von denen eine aus dem 15. Jahrhundert zum Belege dienen konnte, dass die antike Form bis in jene Zeiten sich erhalten. Unter mehreren, meist bronzenen Astragalen , fand sich auch einer aus Perlmutter ; ein anderer hat die Form eines zusammengekauerten Zwerges“.

 

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August Kestner als Privatier (1777-1853)
(Museum August Kestner)

August Kestner, sitzend auf einem Lehnstuhl. - "Auf der Kunstausstellung sind wenige Sachen von Erheblichkeit. Mein in Lebensgröße sitzendes Porträt von Rahl, einem Östreicher, ist, ...

Vererben und Schenken

Am 6. August 1834 schreibt der 57-jährige: „Ich bringe mein ganzes Haus in Ordnung, sehe nach und verzeichne alle meine Sammlungen, Bücher und Kupferstiche. Der letzteren sind einundzwanzig Mappen, eingeschlossen eine von Handzeichnungen“.

Von einem einheitlichen Konzept kann nicht die Rede sein. Zu willkürlich wirkt die Zusammenstellung der Objekte. Aber dennoch findet sich eine Idee von Ordnung in seinem endgültigen Testament, das vom 12. September 1851 datiert. Darin setzt August Kestner seinen Neffen Hermann, der ihn in Rom mehrfach besuchte, zum Erben seiner Sammlungen ein, „dass er dieses ihm übertragene Museum Kestnerianum verwalte, wie ich es selbst verwaltet habe [...]“. Hierin kommt bereits zum Ausdruck, dass Kestner selbst seinen Sammlungen musealen Charakter beimisst. Tatsächlich aber enthält das Testament eine Systematik, die gleichermaßen an frühneuzeitliche Kunstkammern, an deren Rezeption im vaterländischen Geist des Historismus und an die entsprechend geprägte zeitgenössische Gründungswelle von Kunstgewerbemuseen erinnert, deren Bestände ganz wesentlich nach Materialien unterteilt waren.

So heißt es im Testament konkret: „Ihm [Hermann] daher sollen alle meine Sammlungen von Kunstsachen und Alterthümern, an Gemälden, Zeichnungen, Münzen, geschnittenen Steinen, Pasten, Bronzen, Terracotten, Gypsabgüssen, Gold und Silbersachen, Holz, Knochen, Elfenbein, Gefässen aller Materialien, kurz aller Monumente der Kunst und des Alterthums, abgeliefert werden […]“. Das Testament unterscheidet letztlich eben doch systematisch zwischen Monumenten der Kunst und des Alterthums.

Der Schenkungsvertrag

Im Schenkungsvertrag, den Hermann Kestner mit dem Magistrat der Stadt Hannover am 5. April 1884 abschloss,[1] wird die Logik der Zusammensetzung der Sammlung noch deutlicher. Hierin werden akribisch die einzelnen Sammlungsbereiche aufgegliedert.

Da wären zunächst die Objekte, die im Wesentlichen zu den Antiken gehören: „1. Ägyptische, Griechische, Etruskische, Römische Alterthümer mit Einschluss der Münzen, Gemmen und Pasten-Sammlung, sowie der Vasen, Lampen und Terrakotta-Sammlung mit den dazugehörigen Kupferwerken und erklärenden wissenschaftlichen Schriften“. Danach werden die Gattungen aufgeführt, die August Kestner selbst als Kunstsachen bezeichnet hat und nicht zu den Antiken zählt, nämlich: „2. Neuere Kunstgegenstände, umfassend eine Sammlung von Ölgemälden, Majoliken, eine Kupferstichsammlung von ca. 80.000 Stücken, eine Sammlung von Handzeichnungen, sowie spätere Münzen und Medaillen mit den dazu gehörenden Hülfswerken […]“.

Die Sammlung wird ergänzt durch eine umfangreiche Bibliothek, die den Sammler in die Lage versetzte, die notwendigen wissenschaftlichen Informationen zur inhaltlichen und wissenschaftlichen Erschließung der Objekte zu bekommen: „3. Eine Bibliothek von circa 10.000 Bänden, umfassend alte und neue Classiker, Ethnografie, Culturgeschichte, vergleichende Sprachforschung, Mythologie, Religions- und Sagenforschung, Sitten und Gebräuche, malerische Reisen und Topographie, religiöse und weltliche National- und Volksdichtung mit Hülfs- und Sammelwerken, Sprachlehren, Dialectforschung, Zeitschriften und Lexiken“.

Den vierten Abschnitt macht die Aufzählung der Bestände aus, die Kestners hochdifferenziertes Interesse an Musikforschung dokumentiert: „4. Eine Bibliothek für Musikwissenschaft und Kunst, enthaltend alte und neue theoretische Werke. Musikgeschichte, Harmonie- und Compositionslehre, General-Bass, praktische Musikwerke verschiedener Nationen, die religiöse und weltliche Musik der civilisierten älteren und neueren Völker umfassen, Hymnologie der Inder, Hebräer, Griechen, Römer, liturgische, religiöse Gesänge, alte und neue Bibel- und Gesangbuchs-Ausgaben, namhafte Componisten, Volks- und National-Musik, vorzugsweise Volkslieder und Volkstänze“.

… ins Museum

Als Hermann Kestner das Erbe des Onkels antrat, erwirkte die Ausfuhrunterlagen, um die Sammlung von Rom nach Hannover bringen zu können. Im Stadthaus der Kestners in der Leinstraße 11  fand die Sammlung ihre erste Heimstatt, wo Hermann sich an die weitere wissenschaftliche Bearbeitung machte. Mit dem Schenkungsvertrag von 1884 verpflichtete sich die Stadt Hannover zu einem Museumsbau. Mit einer Anschubfinanzierung von 100.000 Mark aus der Stiftung Hermann Kestners nahm das Kestner-Museum schließlich konkrete Gestalt an. Nach einem Architektenwettbewerb, den der Mannheimer Architekt Wilhelm Manchot für sich entscheiden kann, konnte nach insgesamt drei Jahren Bauzeit das Kestner-Museum am 9. November 1889 seiner Bestimmung übergeben werden.

Die Sammlung August Kestners und die bereits 1887 von der Stadt erworbene Sammlung Culemann mit einem starken Schwerpunkt auf mittelalterlicher angewandter Kunst sowie Handschriften und Inkunabeln[3] bilden seither zusammen das erste Museum Hannovers in städtischer Trägerschaft.

Impressum

Impressum des Themenportals

Landeshauptstadt Hannover, Museen für Kulturgeschichte
Historisches Museum Am Hohen Ufer | Museum August Kestner | Museum Schloss Herrenhausen
Trammplatz 3 | 30159 Hannover

Kontakt für Fragen und Anmerkungen: museum-august-kestner@hannover-stadt.de

Idee und Umsetzung: Dr. Anne Viola Siebert